Von Herz zu Herz – Katharina

 

Ich besuche Katharina nun seit knapp 7 Jahren fast jede Woche 2 Mal. Wenn Sie krank ist, also unabhängig davon, dass ihr Gedächtnis mehr und mehr nachlässt, dann öfter. Am Anfang hat sie mich noch erkannt. Das ist jetzt nur noch ganz selten so.

Der Arzt, sagt, Katharina leide unter einer Persönlichkeitsstörung. Ich sage, sie war schon immer ein eher schwieriger Mensch. Ich bin bis heute die einzige Hilfe, die sie zu lässt. Und das wird momentan jeden Morgen, an dem ich zu ihr komme, neu diskutiert. Ich habe einen Schlüssel für die Wohnung, aber ich betrete diese niemals damit, wenn sie öffnet. Sie ist misstrauisch und linst nur durch den Türspalt. Sie fragt, wer ich bin. Ich erkläre es ihr. Sie kennt niemanden mit Namen Alexandra. Ich erkläre ihr, dass wir uns um ihre Katze kümmern müssten und dass ich auch Hansi, den Kanarienvogel kenne. Beide leben nicht mehr, aber das überzeugt Katharina davon, dass ich sie doch kennen müsse. Ich darf hinein.

Wir trinken zusammen Kaffee und mindesten 3 Gläser Wasser. Ich bringe ihren Lieblingssaft mit und fülle diesen in verschiedenen Flaschen mit Wasser auf. Außerdem habe ich 2 Piccolöchen dabei, Kreislauftropfen sind wichtig vor dem zu Bett gehen. Immer noch besser als eine halbe Flasche Klosterfrau … finde ich.

Ich darf heute beim Waschen helfen, denn das Stehen ist heute nicht so leicht. Im Sitzen wasche ich sie mit einem Waschlappen ab. Sie erzählt von Ihrer Tochter und das diese erst gestern wieder da war. Die Tochter ist vor 10 Jahren verstorben. Dabei zeigt sie mir die Bilder, die ich auf den Tisch gestellt habe. Plötzlich hält sie meine Hand fest, die ihr gerade mit dem Waschlappen vorsichtig durch das Gesicht wäscht und sagt: “Kannst Du nicht öfter kommen? Es ist viel besser, wenn Du mich wäschst. Das fühlt sich gut an.”

Dann können wir uns ein wenig über Spaziergänge, die wir früher gemacht haben, unterhalten und sie isst auch mit großem Appetit das vorbereitete Obst. Zum Abschied stimmt sie zu, dass ein Pflegedienst vielleicht doch jeden Tag einmal gut ist. “Aber nur wenn Du die im Auge hast”, sagt sie schelmisch grinsend. Ich verspreche es ihr.

Ich habe tatsächlich begonnen, einen Pflegedienst zu suchen, wohl wissend, dass es morgen alles wieder anders ist. Aber zum ersten Mal hat sie nicht nur geschimpft, sondern zugestimmt.

Und wenn es dann doch nicht klappt, werde ich nicht müde werden, mich jeden Morgen vorzustellen und ihr Hilfe anzubieten. Die Wohnung ist nicht so richtig sauber und Katharina auch nicht, aber sie ist glücklich in ihrer kleinen Welt, denn sie hat meistens das Gefühl, alles im Griff zu haben.

Mehr ist für mich nicht wichtig und für Katharina auch nicht.


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